Flug nach Venedig – aller Dinge sind drei! von Christoph Zederer

Seit mehreren Jahren wollte ich Peter den Reiz einer Alpenüberquerung zeigen, leider sind unsere bisherigen Versuche aufgrund schlechten Wetters gescheitert. Beim dritten Versuch war uns endlich Petrus wohl gesonnen.

Geplant war ein Kurztrip für 3-4 Tage Ende Mai 2011 mit zwei Maschinen (Dimona und FK9) nach Norditalien, jedoch blieb es dann aufgrund einer kurzfristigen Absage der zweiten Besatzung bei uns beiden. So starteten Peter Groß und ich mit der neu erworbenen Vereins-Dimona am Donnerstagmorgen in Aßlar und hofften auf eine Überquerung noch vor dem Eintreffen der Schlechtwetterfront die für den frühen Nachmittag vorhergesagt war. Nach knapp zwei Stunden waren wir im Anflug auf Kempten-Durach und die ersten Regenschauer prasselten schon auf die Haube. Aus Südwest war über dem Bodensee und Vorarlberg schon deutlich die aufziehende dunkle Bewölkung auszumachen. Sollte die Front etwa schneller als erwartet eintreffen und erneut unseren Plan vereiteln? Vor einigen Jahren an gleicher Stelle sind wir im Juni durch Schneeschauer geflogen und haben hier unser Vorhaben abbrechen müssen. Kurzer Kontakt mit dem Flugleiter der uns über Funk beruhigte und noch zwei Stunden fliegbares Wetter prognostizierte, was dann auch so eintraf. Also Landung, Tanken, Wetterberatung und Flugplan aufgeben. Aufgrund der Wettervorhersage wählten wir entgegen unserer ursprünglichen Absicht, den Hauptkamm am Reschenpass zu überqueren, die Route über den Brenner, die mit 4508ft niedrigste Stelle für eine Alpenquerung.

Takeoff in Kempten erfolgte gegen Mittag dann passierten wir Füssen mit den Königsschlössern und folgten dem Voralpenland Richtung Garmisch. Nach überfliegen der Grenze bei Mittenwald/Scharnitz erhielten wir problemlos die Freigabe zum Durchflug der Kontrollzone Innsbruck über November 1 und Sierra in 6500ft. Inntal und Europabrücke zogen unter uns durch bis kurze Zeit später auch schon der Brenner in Sicht war. Peter ließ es sich nicht nehmen aus Freude es diesmal geschafft zu haben einen Vollkreis über demselben zu fliegen. Weiter ging es dem Eisacktal folgend Richtung Süden. Bei Brixen konnte man im Dunst die Konturen der teilweise noch schneebedeckten Dolomiten ausmachen, ein immer wieder erhebender Anblick. Nach 1,5 Stunden dann Anflug und Landung in Bozen bei strahlendem Sonnenschein. Einmal mehr bewahrheitet sich, dass der Alpenhauptkamm eine klassische Wetterscheide ist. Aufgrund der angenehmen Temperaturen ziehen wir direkt am Flugzeug unsere kurzen Hosen an. Kleine Stärkung in der Cafeteria des Flughafens, dessen Abfertigungshalle derzeit erweitert wird und weiter unserm Tagesziel Trento entgegen.

Nach dem Start erhaschen wir noch einen Blick auf den idyllisch gelegenen Kalterer See und folgen dann dem Etschtal Richtung Süden. Navigatorisch kann man hier nicht viel falsch machen, immer dem Tal folgen, sofern das Wetter passt. Vor der Landung in Trento möchten wir noch einen Abstecher zum nahe gelegenen Gardasee zwecks Sightseeing machen. Eigentlich wollte ich mit Peter den kleinen Flugplatz "Monte Baldo" oberhalb Garda ansteuern auf dem ich 2009 schon gelandet war, jedoch ist dieser derzeit leider gesperrt, wie ich einige Tage zuvor im Internet erfahren musste.

Über dem Gardasee nahmen wir dann kurzentschlossen eine Planänderung vor. Am folgenden Tag sollte gemäß Vorhersage des MetOffice in München auch die Alpensüdseite teilweise von der Front mit Gewitter heimgesucht werden. Trento liegt allerdings noch mitten in den Bergen und wir wollten doch die wenigen Tage zum Fliegen intensiv nutzen. Überschlägige Berechnung des seit Kempten verbliebenen Kraftstoffvorrats und die Entscheidung steht fest - wir übernachten in Verona. Also Anflugblätter hervorholen und Freigabe zum Einflug in die weiträumige Kontrollzone von Verona erbitten, da der stadtnahe kleine Flugplatz "Verona Boscomantico" in der Kontrollzone von "Villafranca" liegt. Nachdem wir "Airfield Boscomantico in sight" melden dürfen wir die Frequenz verlassen und direkt mit der Flugleitung von "Boscomantico" in Kontakt treten, wo wir nach zwei Stunden landen.

Ein Taxi bringt uns zum Hotel "Trieste" nahe der Innenstadt, in dem ich einige Jahre zuvor auch schon mal bei meinem ersten Flug nach Verona übernachtet habe. Gut 8 Stunden nach Takeoff in Aßlar schlendern wir mit einem Gelato in der Hand durch die Altstadt von Verona und fühlen uns in Anbetracht der gemeinsamen fliegerischen Erlebnisse rundum wohl – mit dem Auto undenkbar! Die altehrwürdige Arena in der in der Sommerzeit unter freiem Himmel Opern wie Aida, Nabucco und La Traviata aufgeführt werden sowie der Balkon von Romeo und Julia sind nur einige der Highlights, die wir auf unserer kleinen Stadtbesichtigung in Augenschein nehmen, bevor wir klassisch italienisch bei einer Flasche Rotwein in einer der engen Gässchen unter freiem Himmel zu Abend essen. Den erlebnisreichen Tag beschließen wir dann noch mit einem Glas auf der Piazza vor der Arena, bevor wir mit vielen schönen Eindrücken ins Bett gehen.

Am nächsten Morgen lassen wir uns nach dem Frühstück zum Flugplatz bringen und müssen feststellen, dass wir entgegen den Angaben im Jeppesen nicht tanken können. Aufgrund steuerlicher Verordnungen darf Kraftstoff nur an am Platz stationierte Flugzeuge verkauft werden. Mit der kalkulierten Restmenge im Tank ist uns jedoch ein Weiterflug zum nächstgelegenen Platz mit "offizieller Tankstelle" zu risikoreich. Was nun? Aber es wäre ja nicht Italien, wenn man keine Lösung findet! Diese kommt in Form eines netten "ausgewanderten" niederländischen Mechanikers der uns unkompliziert einen Kanister mit 30 Liter frisch abgefülltem Avgas ohne Rechnung verkauft und uns auch noch beim Betanken hilft.

Mit ausreichend Sprit geht’s weiter dem südlichsten Ziel unsrer Reise entgegen – Venedig, wir kommen! Beim Abflug können wir im Norden erkennen, wie das Schlechtwettergebiet aufzieht. Unsere Entscheidung am Vortag aus den Bergen herauszufliegen erweist sich als goldrichtig.

Den VFR-Routen folgend fliegen wir über Vicenza und Padova zum Pflichtmeldepunkt "Chioggia" und von dort in 2000ft entlang der Insel kette zum Flugplatz "San Nicolo" auf der Venedig vorgelagerten Insel "Lido". Noch schnell einen unvergleichlichen Blick auf Venedig werfen, bevor nach knapp einer Stunde unsere Räder den Grasplatz berühren. Nach Wettercheck am PC im Briefingraum entscheiden wir uns hier zu übernachten und am Folgetag mit Rückseitenwetter die Heimreise anzutreten. Wir machen einen Spaziergang zum Bootsanleger und nehmen eines der regelmäßig verkehrenden Boote um nach kaum einer halber Stunde im Herzen Venedigs auszusteigen. In den nächsten Stunden laufen Peter und ich uns die Füße platt, um möglichst viele Sehenswürdigkeiten u.a. Rialtobrücke, Markusplatz, Seufzerbrücke und das unvergleichbare Flair der Stadt in uns aufzunehmen. Danach geht es bei einsetzenden Regenschauern zurück zum Flugplatz. Hier nehmen wir unser Gepäck auf, lassen uns eine Unterkunft vermitteln und begeben uns dann mit Bus und Taxi zum Hotel. Der Regen hat inzwischen nachgelassen, sodass erneut einem maritimen Abendessen unter freiem Himmel nichts entgegensteht.


Am Vormittag starten wir in Venedig bei herrlichstem Wetter, die Berge sind schon vom Boden aus zum Greifen nahe, mit Ziel Trento. Die Route führt uns wiederum über Padova, Verona und den Gardasee bis wir nach zwei Stunden in Trento landen. Hier trainieren gerade das "Alpi Pioneer Team" mit vier ULs Formationskunstflug, eine wunderbare Staffel die auch schon in Tannkosh ihr Können präsentierte. Nach einer kleinen Stärkung mit Panino im Flugplatzrestaurant und kurzer Wetterberatung entscheiden wir uns für die Route über Reschen- und Arlbergpass. Nach Takeoff fliegen wir entlang des Etschtals über Bozen bis Meran, dann in westlicher Richtung dem Vinschgau folgend bis der Reschenstausee in Sicht kommt, aus dem eine Kirchturmspitze herausragt.
Gleich hinter dem See passieren wir die italienisch/österreichische Grenze am Reschenpass (4935ft) und stoßen dann auf den aus der Schweiz kommenden Inn, der uns bis Landeck begleiten wird. Das Tiefdruckgebiet, das in den letzten beiden Tagen hier durchgezogen ist, hat Neuschnee gebracht und die Berge bis auf 2000m hinunter "verzuckert". Ein wunderschöner Blick erschließt sich uns, saftige grüne Wiesen im Tal und über den verschneiten Bergspitzen teilweise blauer Himmel. Wir drehen noch einen Vollkreis über dem uns aus gemeinsamen Winterurlauben mit den Aßlarer Fliegern bestens bekannten Skigebiet Fiss-Ladis-Serfaus bevor wir Kurs auf den weiter westlich gelegenen Arlbergpass nehmen, der mit 5883ft der höchste Pass unseres Flugs sein wird. Hier oben ist alles noch tief verschneit und die Liftanlagen sehen von Weitem aus als ob sie noch in Betrieb seien. Weiter geht’s entlang des Klostertals, wo noch einige Gleitschirmflieger bei nicht gerade komfortablen Außentemperaturen vor der imposanten Bergkulisse ihre Bahnen ziehen, in Richtung Bludenz. Dann folgen wir noch ein kurzes Stück dem Rhein und betrachten fasziniert das abendliche Lichtspiel über dem Bodensee, bevor wir uns über Lindau bei Wien Information abmelden und den Anflug auf Biberach beginnen.

Wetter und verbleibende Zeit bis Sunset würden einem Heimflug nicht entgegenstehen, jedoch entschließen wir uns noch eine Nacht hier zu verbringen und die vielfältigen Eindrücke der vergangenen drei Tage bei schwäbischer Küche noch einmal Revue passieren zu lassen. Gegen Mittag des Folgetags setzt die D-KLWG am heimischen Platz auf und wir beschließen, dass es sicher nicht unser letzter gemeinsamer Fliegerurlaub war.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

über der Adria

Trento

Trento

Vinschgau

Reschenstausee

Arlbergpass
 
 
 
 
 
 
 


Innsbruck

Bozen

Gardasee

Verona Boscomantico

Verona

Lido

Venedig

Airport San Nicolo

Venedig

Venedig

Etschtal

Bodensee